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Examensstress

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Kämpft Leute! Meine atypische Studien-und Examensgeschichte!

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Kämpft Leute! Meine atypische Studien-und Examensgeschichte!

Beitrag von AngstSieger erstellt am: 17. Jul 2014, 14:26 Uhr

Hallo liebe Leute!
Ich möchte euch gerne meine Geschichte erzählen und euch ermuntern das scheinbar Unmögliche zu versuchen. Im Unterteil dieses Forums gibt es viele Beiträge zu Ängsten, Depressionen usw. Bei der Durchsicht fiel mir aber auf, dass wirkliche Erfolgsgeschichten von uns „Leidenden“ rar sind. Vielleicht liegt’s daran, dass es näher liegt über Probleme zu schreiben, als über ihre Lösung oder das Scheitern.

Einen Fahrplan zur Examensvorbereitung werdet ihr aus meiner Geschichte kaum ableiten können. Das solltet ihr auch nicht, denn es dürfte höchst fahrlässig sein. Viel zu unterschiedlich funktionieren die Gehirne in unseren Köpfen und zu individuell sind die einzelnen Werdegänge sowie Vorkenntnisse.
Vielmehr geht es mir darum, euch Mut zu machen, euch an das Studium / Examen heranzuwagen und in Situationen höchster Verzweiflung auch mal ungewöhnliche Wege zu gehen.

Meine Anfänge:
Ich habe mit meinem Studium vor 14 Semestern begonnen und beging viele verhängnisvolle Fehler. Ich genoss das neue Studentenleben inklusive zahlreicher Partys und entsprechender Freiheiten. Die Vorlesungen besuchte ich, aber wirkliche Nacharbeit fand so gut wie nie statt. Da gab es zu viel anderes, das mich reizte. Die notwendigen kleinen Scheine bestand ich immer im Bereich zwischen 4 und 8 Punkten. Länger als drei volle Tage lernte ich dafür nie. Im Gymnasium klappte es so schließlich auch sehr gut.

Gr. Übungen, Schwerpunkt, Rep – ich verliere den richtigen Weg
Dann kam ich in die großen Übungen. Der Niveausprung von den kleinen Scheinen zu den großen Übungen (in Nds. 2 Klausuren + 1 HA) war gewaltig. Und an dieser Stelle begann meine schmerzvolle Reise. Die große Übung im Strafrecht bestand ich im 2. Anlauf. In den Übungen zum Zivilrecht und öffentl. Recht verstand ich jedoch nur Bahnhof. Was da verlangt wurde, war Lichtjahre von dem entfernt, was ich konnte. Diese Lücken führten zu krassen Motivationsproblemen und dazu, dass konsequentes Lernen und Klausurvorbereitung immer wieder aufgeschoben wurden. So lernte ich, wenn gerade keine Klausur anstand, gar nicht. Vor den Klausuren investierte ich meist 3 Tage. Aussichtslos! Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich Ergebnisse von 1-3 Punkten bekam. Dann begannen viele Kommilitonen mit dem Rep. Mittlerweile lief auch schon das 7. Semester. Ich überlegte mir, das Rep vorzuziehen, weil ich mir erhoffte vom Rep in den großen Übungen zu profitieren. Das Rep war für mich ebenfalls viel zu schwer. Vieles hatte ich vorher noch nie gehört, gefühlt ging man dort inhaltlich vom Hundertsten ins Tausendste und alles wurde als wichtig dargestellt. So ging ich 1 Jahr immer hin (es war offensichtlich wohltuend etwas Tagesroutine zu haben), aber konsequente Nacharbeit fand nie statt. Die Lücken waren zu groß und ich konnte mich einfach nicht aufraffen! Was nach lockerem Leben und Gleichgültigkeit klingt, wurde vor allem zum Leidensdruck. So kam die Idee vom ganzen Pflichtfachstoff Abstand zu nehmen und erstmal den Schwerpunkt vorzuziehen. Einige der Fächer aus dem Schwerpunkt dürften schließlich auch für das Pflichtfach relevant sein, dachte ich mir. Im Schwerpunkt („Handel, Wirtschaft, Unternehmen“) erwischte ich tolle Dozenten. Man wurde an die Hand genommen und viel Vorwissen war nicht nötig. Ich hatte Spaß und bestand ihn souverän.

Nun galt es die verbliebenen großen Übungen im Zivilrecht und im öffentlichen Recht zu bestehen. Als ich mich wieder dem Pflichtfachstoff widmete, kamen schnell die alten Versagensgefühle auf. Prüfungsängste strahlten bereits stark in die Lernzeit hinein, so dass ich oftmals ein Gefühl von Lähmung und Aussichtslosigkeit verspürte. Dennoch ging ich immer wieder in die Klausuren und hoffte jedes Mal, dass dieses Mal alles besser werden würde. Was es tatsächlich jedes Mal gab, waren Blockaden, Überforderung und das furchtbare Gefühl sein eigenes Potential nicht nutzen zu können. Angstzustände, nächtliches Schwitzen und unnatürliches Verhalten waren die Folgen. Um mein Familie und Freunde entspannt zu halten, erzählte ich viele Lügen. Ich propagierte, dass es allen so ginge und ich dabei sei alles zu packen. Dabei entstand eine so große Angst in mir, dass leistungsmäßig nix mehr ging. Ich war voll in einer Spirale.

Angst und negative Gefühle übernehmen die Kontrolle
Nach unzähligen nicht bestandenen Klausuren entstand in meinem Kopf eine Aversion gegen die Uni. Den Kontakt zu meinen Kommilitonen brach ich aus Scham ab. Ich kam in eine Phase, in der ich sogar ein Jahr lang den Campus nicht betrat. Ich wählte Wege durch die Stadt, die immer Rücksicht darauf nahmen, nicht an der Uni vorbeizuführen. Den Kontakt zu meinen Kommilitonen brach ich ab. Nachvollziehbarer Weise (es ist eben ein dominierender und komplexer Teil des Lebens) haben viele Jura-Studenten auch in ihrer Freizeit die Neigung viel über das Studium und umso mehr über dieses Monster namens Examen zu sprechen. Das hielt ich nicht mehr aus. Es kam eine Phase, in der ich 5 Monate keine einzige Nacht durchschlief. Es ging nicht mehr. Ich hielt es nicht mehr aus und öffnete mich meiner Familie. Ich erzählte von A-Z alles und sah meine Verantwortung für alles ein. In der Folge sprach ich mit einem Psychologen und beschloss die Klausuren in den Übungen als reines Training zu sehen und sie nicht zwingend bestehen zu müssen. Diese Einstellungsänderung und die o.g. „Familienbeichte“ ließen mich wieder einigermaßen klar denken. Ich packte alle Lehrbücher in den Schrank und lernte nur mit Fällen. Ein Semester lang übte ich nur in den Uni-Klausuren und bestand 1 aus 8. Aber ich merkte, wie ich besser wurde. Im folgenden Semester Klappte es dann in beiden Übungen mit den Klausuren und den Hausarbeiten.

Examenszeit
Und nun? EXAMEN! Ich musste für mich einen Plan entwickeln, der besonderes Augenmerk auf meine schwache Psyche legt. In diesem Kontext kam es für mich auch nie in Frage eine bestimmte Punktezahl anzupeilen. ICH WOLLTE EINFACH NUR ÜBERLEBEN! Heraus kam dabei ein Plan, der für fast alle Examenskandidaten eher nach einem Himmelfahrtskommando, als einem Plan aussehen dürfte. Er bestand aus 8 Punkten:
1. Kein Repetitorium (zu schwer, zu lang und nur Examenskandidaten um einen… Hölle!)
2. Die Vorbereitung durfte nicht zu lange dauern. Jeder Tag der Vorbereitung ist eine Belastung. Diese musste möglichst niedrig gehalten werden. Ich veranschlagte exakt 5,5 Monate!
3. Nur mit Fällen arbeiten; keine Lehrbücher, da für die kurze Zeit zu komplex und verwirrend
4. Ca. 20 Übungsklausuren schreiben (mehr hätten zu viel Zeit gefressen); die Übung ist zwingend nötig… vor allem, was das Erlernen des Zeitmanagements angeht
5. Nur auf klassische Probleme konzentrieren und Fokus auf Lösung von Fällen -nicht auf komplexe und krass verästelnde Meinungsstreitigkeiten konzentrieren (Jura ist Handwerk!)
6. Aufgabe und Akzeptanz des Gedankens, dass ich jemals (bei egal wieviel Vorbereitungszeit) „alles Wichtige“ für das Examen lernen könnte
7. Kein Kontakt zu anderen Examenskandidaten; bei der wenigen Vorbereitungszeit hätte mich ein Austausch nur thematisch zerstreut; zudem vermutlich immer das Gefühl gegeben vieles nicht zu können
8. Mein häusliches Büro sollte täglich um 9 Uhr öffnen und um 18 Uhr schließen mit einer Stunde Mittagspause; die Sonntage sollten frei sein

Und so ging es Anfang August 2013 mit der Vorbereitung für die Klausuren im Januar 2014 los. Um mehr innere Ruhe zu finden besorgte ich mir noch Schüssler Salze und Bachblüten-Tropfen. Darüber hinaus achtete auf genug Schlaf, ausgewogene Ernährung (keine Fertigprodukte, da mich diese immer nur müde machen) und darauf regelmäßig mit Freunden abends etwas zu unternehmen. Die Phase war psychisch extrem schwierig und noch 11 Wochen vor dem Examen schätzte ich die Chance zu bestehen bei ernst gemeinten 5% ein. Dennoch wollte ich es unbedingt probieren. Ein Gedanke war dabei aber auch: „manchmal muss man scheitern, um Erleichterung zu erfahren“. Es war also eine Mischung aus „jetzt erst Recht“ und „es ist so aussichtslos, dass man es ruhig probieren kann“. Erschwerend hinzu kamen in dieser Zeit die Auswirkungen der Psyche in Form von gesundheitlichen Problemen. Ab einem gewissen Punkt hörte ich schlecht und irgendwann blutete es aus dem Nichts heraus aus dem Ohr. Erleichternd hingegen war die Fürsorge und Liebe von Freundin, Familie und Freunden (sorgt echt dafür, dass ihr in dieser Phase ein tolles Umfeld habt!).

Showdown
Im Januar war es dann soweit. Als ich in die erste Klausur ging, fühlte es sich an, wie der Weg zur Exekution. Ich wollte es dennoch unbedingt versuchen! Dabei stellte ich mich darauf ein, immer mein Bestes zu versuchen und beschäftigte mich vor allem mit dem worst case. So hörte ich vor dem Examen von einem Fall, in dem jemand in den schriftlichen Prüfungen 20,5 Punkte holte (in Nds. sind 21Punkte nötig). Ich war also jeden Tag darauf eingestellt mit einem Fall konfrontiert zu sein, den ich nicht verstehe. Für den Fall hab ich mir vorgenommen einfach mit gesundem Menschenverstand eine Lösung „zusammenzuzaubern“ und im Zweifel um auch nur 1 Punkt zu kämpfen… er könnte schließlich ausschlaggebend sein.

Auf den Inhalt der Klausuren möchte ich im Einzelnen an dieser Stelle nicht eingehen, da der Beitrag sonst noch länger wird, als er ohnehin schon ist. Nur so viel: Geschenke gab es nicht, aber sie waren allesamt schaffbar! Insbesondere war ich mit den Sachverhalten zufrieden, die (anders als es oft während des Studiums war) alle gut verständlich waren und auch immer auf den ersten Blick bereits Sinn machten! - Nur nebenbei: schaut mal in die Juristen-Ausbildungs-Verordnung eures Landes! In Niedersachsen steht in § 19 II NJAVO wörtlich „Die Aufgaben sollen rechtlich und tatsächlich einfach liegen…“. Genau das hat sich in meinem Examen bestätigt! Am Ende bestand ich 5 von 6 Klausuren und im ÖR hatte ich sogar in der Polizeirechtsklausur 11Punkte (im Studium habe ich in der großen Übung im ÖR nie mehr als 5 Punkte geschafft!). Anstatt der nötigen 21 Punkte um zur mündlichen Prüfung eingeladen zu werden, schaffte ich am Ende 35,5 Punkte.

Dann kam die mündliche Prüfung. Obwohl nicht mehr viel zum Ziel „überleben“ fehlte, lagen die Nerven schon wieder blank. In den Monaten zwischen den schriftlichen Prüfungen und den Ergebnissen, beschäftigte ich mich gar nicht mehr mit Jura. Zum einen ging es am Anfang einfach nicht, weil ich psychisch so erschöpft war und zum anderen konnte ich mich einfach kaum aufraffen ins Blaue hinein zu lernen. Erst mit Verkündung der Ergebnisse (so 5 Wochen vor der mündlichen Prüfung) fing ich so langsam an mich ca. 2 Std / Tag quer einzulesen. Als 3 Wochen vor der mündlichen Prüfung die Ladung kam, fing ich wieder richtig mit der Vorbereitung an. Dabei lernte ich tatsächlich ca. 2 Wochen. Die erste Woche verbrachte ich nur mit Recherche zu meinen Prüfern und damit Protokolle zu lesen. Am Ende hatte ich in keiner mündlichen Prüfung weniger als 10 Punkte. Unglaublich aber wahr.

Ergebnis
Insgesamt hatte ich im Examen 8,91 Punkte. Haarscharf am Prädikat vorbei. Für mich heute immer noch unfassbar, aber Realität. Und dabei wollte ich doch einfach nur irgendwie überleben!

Bereit für den nächsten Lebensabschnitt
Ungeachtet des (für mich) tollen Ergebnisses, habe ich meine Grenzen erkannt. Ein zweites Examen werde ich nicht machen. Insgesamt hat mich das Studium zu einem klugen Kopf gemacht, aber es war für mich auch eine schmerzhafte Lebensphase (mit vielen Fehlern meinerseits), die mir schon lange keinen Spaß mehr machte. Ich habe mich als Mensch sehr weiterentwickelt (was Wissen und Psyche angeht), aber es hat mich auch viel Gesundheit gekostet. Wenn man ein offener Typ ist, kann man als Jurist auf dem Arbeitsmarkt auch mit dem Diplom viel schaffen (insbesondere in nicht juristischen Berufen)!

Seid ehrlich, was Schwächen angeht und werdet stark
Manch einer von euch wird sich in einer Situation befinden, in der es einfach zu spät erscheint aufzuhören und gleichzeitig Studium und / oder Examen als kaum schaffbare Hürde erscheinen. Seid ehrlich, was eure Schwächen angeht, macht euch einen individuellen Plan und kämpft! Und vor allem: schaut nicht so sehr, was die Menschen links und rechts neben euch machen, sondern konzentriert euch auf euch und eure Stärken! Findet euren eigenen Weg und akzeptiert, dass im Examen eh nicht alles planbar und lernbar ist! Seid bei allem offen zu euch selbst und eurem Umfeld!

Falls ihr Fragen zu mir, meiner Geschichte oder meiner Vorgehensweise habt, bitte stellt sie mir!

Keep pushing!

AngstSieger

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Re: Kämpft Leute! Meine atypische Studien-und Examensgeschic

Beitrag von kaykettle erstellt am: 21. Jul 2014, 16:15 Uhr

Hallo !

Das finde ich mal eine super Geschichte ! Schön, dass man hier auch solche Erfolgsgeschichten lesen kann. Das Examen ist eine super schwere Zeit und psychisch ziemlich anstrengend. An deinem Beispiel sieht man sehr gut, dass eben auch der Mut, es irgendwann zu wagen, auch wenn man sich kaum vorstellen kann, genug zu können, wichtig ist !
Herzlichen Glückwunsch, dass es bei dir so gut geklappt hat und sich all der Stress ausgezahlt hat !

Ich hoffe der Beitrag macht einigen Leuten Mut, sich auch zu trauen !

kaykettle

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Re: Kämpft Leute! Meine atypische Studien-und Examensgeschic

Beitrag von korrien erstellt am: 27. Okt 2014, 17:29 Uhr

Vielen Dank für diesen wirklich tollen Beitrag! Das habe ich sehr gerne gelesen und vor allem HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH für diese tolle Punktzahl!

korrien

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Re: Kämpft Leute! Meine atypische Studien-und Examensgeschic

Beitrag von Nighthawk erstellt am: 24. Nov 2014, 23:27 Uhr

Hallo,

Super Beitrag ! Und erst mal Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Examen. Gratuliere, du hast es geschafft :biggrin: .

Ich selbst bin derzeit noch mitten in der Examensvorbereitung, kann aber bereits eine ähnliche Geschichte aus dem Schwerpunkt erzählen:

Ich habe den Schwerpunkt immer weiter rausgeschoben, weil ich zuerst die großen Scheine machen wollte. Außerdem war ich nach dem Grundstudium ziemlich kaputt: Dieser Druck "rausfliegen zu können" wenn man nicht innerhalb von 4 Semestern die erforderliche Anzahl an Klausuren schafft hatte mich so fertig gemacht, dass ich Panikattacken hatte und ß-Blocker nehmen musste. Im 5- und 6 Semester im Hauptstudium sollte man sich bei diesem Prof. in den Schwerpunktfächern in den email Verteiler eintragen für die Vorlesungsmaterialien. Das tat ich dann auch jedes Semester. Nur dadurch, dass ich mit den Scheinen nicht so voran kam wie ich dachte und ich öfter mal ne Übung wiederholen musste, musste ich mich auch im SP jedes Semester immer wieder neu in den Verteiler eintragen. Nach zwei oder drei Jahren schrieb dann der Professor dann leicht angesäuert eine Rundmail an seine Studenten, dass er es Leid sei seine Materialien immer an die "Karteileichen" zu verschicken. Er nannte keine Namen, aber damit war natürlich ich gemeint, weil mein Name über mehrere Jahre hinweg immer wieder in seinem email Verteiler auftauchte und er langsam skeptisch wurde, warum ich nicht endlich die SP-Prüfung machen würde. Ich trug mich danach nicht mehr in den Verteiler ein, zudem hatte ich auch gesehen, dass sich seine Materialien von Jahr zu Jahr nur geringfügig geändert hatten. Seine Vorlesung besuchte ich schon lange nicht mehr, weil ich zu dieser Zeit schon wieder an Angst- und Panikattacken litt. Als ich dann endlich (nach mehreren Anläufen) alle großen Scheine beisammen hatte, bereitete ich mich auf den SP vor und bekam prompt diesen Professor zugewiesen, der mich als "Karteileiche" bezeichnet hatte. Es war mein Glück, dass die SP-Hausarbeit anonymisiert geschrieben wurde, wer weiß, was da sonst rausgekommen wäre, denn mittlerweile war schon wieder ein Jahr vergangen. Als ich das Ergebnis der Arbeit zurück bekam konnte ich es kaum glauben: Ich hatte sage und schreibe 14,5 Punkte !!! Damit hätte ich nie gerechnet ! Ich war zwar gut vorbereitet (hatte vorher ein eigenes Anleitungsskript für mich selbst geschrieben, wie man so eine Arbeit schreiben muss), war aber vor einiger Zeit schon einmal in einer Seminararbeit gescheitert, weil ich auf gut Deutsch gesagt "zu blöd war so ein Ding über ein juristisches Thema zu schreiben" (ich konnte da gar keine Seminararbeit abgeben, weil ich überhaupt nicht richtig ins Arbeiten dort reingekommen bin!). Daraus hatte ich dann gelernt und dann mein eigenes Anleitunsskript geschrieben. Dann kam die mündliche Prüfung und ich hielt meinen Vortrag völlig frei mit PowerPoint (ich hatte ihn zu Hause auswendig gelernt und auch schon dort mit PowerPoint eingeübt). In der anschließenden Abfrage über den restlichen Stoff des SPs verschlechterte ich mich dann zwar noch, ging aber insgesamt mit 12,35 P aus dem SP raus. Für mich, der eigentlich nur "irgendwie überleben" wollte ein unglaubliches Ergebnis. Der Prof. sagte dann noch, dass er es zwar schade fände, dass ich mich verschlechtert hätte, weil ihn die Arbeit und der Vortrag "beeindruckt" hätten. In dem Moment war mir irgendwie klar, dass er meinen Namen aus dem email-Verteiler mittlerweile vergessen hatte (oder vielleicht doch nicht ?), es war auch schon ein älterer Professor, der so hatte ich den Eindruck schon öfter mal was vergaß. Und ich dachte mir nur: "Junge, wenn du wüsstest, was ich für eine SCHEIß ANGST vor dir hatte nachdem du mich als Karteileiche bezeichnet hattest. Ich hatte Panikattacken, konnte nachts nicht schlafen, musste ß-Blocker nehmen, hatte das Gefühl immer älter zu werden, hab mich von allen Leuten zurückgezogen und hatte Angst zum Schluss als der Vollidiot mit nichts in der Hand darzustehen!" Aber, es kam alles ganz anders als gedacht: Der "gefürchtete Erzfeind" entpuppte sich dann in der Prüfung als ein freundlicher, etwas leicht vergesslicher älterer Herr mit leichten Bandscheibenproblemen. Jaja, so kanns gehen :biggrin:

Und allen Leuten, die Angst vor dem SP haben möchte ich sagen: Ihr könnt auch noch als "Karteileiche" eindrucksvoll zurückschlagen ;). Also: beschäftigt euch damit, wie man so ne Themenarbeit schreibt, damit euch die Abläufe klar werden, lest euch in das Rechtsgebiet ein, und dann habt ihr gute Chancen da mit ner guten Note rauszugehen. Lernt euren dazugehörigen Vortrag auswendig mit PowerPoint, und dann müsste der Kittel eigentlich geflickt sein !

Noch ein Wort zu den Panikattacken: ich bin da folgendermaßen rausgekommen: Irgendwann hat das mit den Panikattacken angefangen mich selbst total zu nerven, also ich hab mich deswegen selbst total angekotzt. Das ist meiner Meinung nach ein sehr gutes erstes Zeichen, wenn die Panikattacken beginnen, einem selbst auf die Nerven zu gehen. Dann ist nämlich nicht mehr die Angst das alles dominierende Gefühl, sondern die Angst wird dann durch die "Angenervtheit" immer weiter ersetzt bis es dann irgendwann zu dem Punkt kommt, wo die Angst wieder sagt: "Geh bloß nicht raus, du könntest ja einen Schlaganfall erleiden" und die Nervigkeit dann endlich den Mumm hat zu antworten: "Ja, OK, dann sterb ich halt. Ist mir jetzt auch scheißegal, ich geh da jetzt raus. Leck mich am Arsch, Angst !" Also ich hab irgendwie akzeptiert, dass jeden Moment alles vorbei sein kann, und damit gehts mir besser.

@AngstSieger: Ja, du hast ganz Recht. Es geht darum, erst mal mit dieser Angst umzugehen zu lernen. Man wird sie nie vollständig los, aber man kann lernen, mit ihr so umzugehen, dass sie einem beim Vorankommen nicht mehr so stark behindert. Aber ein bisschen Angst bzw. Respekt ist manchmal auch ganz gut, weil sie hält dich wach und schützt dich vor Selbstüberschätzung. Sie darf halt nur nicht ausarten, so dass sie einen im Alltag beenträchtigt.

Und hier noch ein kleines Motivationsvideo zum Thema Angst: Für alle Kampfgefährten im Schwerpunkt und in der Examensvorbereitung ;-) :

http://www.youtube.com/watch?v=ldOFWuZeJCQ

Beste Grüße

"Karteileiche" Nighthawk

Nighthawk

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Re: Kämpft Leute! Meine atypische Studien-und Examensgeschic

Beitrag von Lawyer_2015 erstellt am: 11. Jul 2015, 22:20 Uhr

Sehr, sehr schöne Geschichte!

Danke!
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Lawyer_2015

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Re: Kämpft Leute! Meine atypische Studien-und Examensgeschic

Beitrag von mausibausi90 erstellt am: 3. Sep 2015, 11:53 Uhr

Daaaaaanke !!!!

mausibausi90

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Re: Kämpft Leute! Meine atypische Studien-und Examensgeschic

Beitrag von Hassliebejura erstellt am: 4. Dez 2015, 20:59 Uhr

..der Grund, sich endlich mal nicht abzumelden vom Examen ;) D A N K E !

Hassliebejura

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