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Examensstress

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Unbändige Wut

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Unbändige Wut

Beitrag von Anzugträger erstellt am: 6. Jul 2016, 13:44 Uhr

hallo alle miteinander!
ich bin seit jahren stiller mitleser in diesem forum, es hat mir in schwierigen situationen oft weitergeholfen, aus diesem grund habe ich mich jetzt hier angemeldet..

ich bin eigentlich nicht der typ dafür, sich "bei anderen auszuheulen" (dazu noch im internet) und musste auch noch nie "über meine probleme reden", die leute, die das nötig hatten, habe ich immer belächelt. nun ist allerdings der zeitpunkt gekommen, an dem ich mir auch mal meinen frust von der seele reden muss, welch ironie :evil: .

meine situation:
ich schreibe im november meinen freischuss und bin seit april mit dem rep fertig. ausgerechnet in meiner vorbereitungszeit bin ich familiär so sehr in die pflicht genommen worden, wie noch nie zuvor. dies hatte zur folge, dass ich ca acht monate von meiner vorbereitung verpasst habe, erschwerend hinzu kamen noch massive gesundheitliche probleme. ich habe mich während dieser acht monate immer wieder gefragt, warum es ausgerechnet mich treffen musste. klar, ich hatte hier und da immer mal zwei stunden zeit zum lernen, aber aus eigener erfahrung kann ich sagen, dass zwei stunden in jura (zumindest, wenn man sich den stoff noch erarbeiten muss) absolut nichts bringen, daher habe ich es dann oft ganz sein gelassen. ich habe mich nun weitgehend zusammengerissen und laut meinen berechnungen bin ich ca. mitte august mit der erarbeitung durch. habe dann noch ca drei monate zeit, bis ich ins examen "darf"..

nun zu meinem problem/meinen problemen:
1) ich kann mir den ganzen spaß einfach nicht merken. detailkenntnisse sickern schneller aus meinem gedächtnis raus, als ich "nachfüllen" kann. das jahr rep hat mich unfassbar aufgeregt, habe das als unverschämtheit empfunden. im studium war ich mit minimalem aufwand ziemlich gut(im direktvergleich zu den anderen) und das auch bei profs, die maximal 8 punkte verteilt haben (und nein, ich habe nicht an irgendeiner "spaßuni" studiert). anschließend geht man ins rep und erkennt sodann, dass einem an der uni NICHTS beigebracht worden ist, in erster linie wurde an der universität wert darauf gelegt, gewisse paragraphenkonstellationen aus dem effeff zu beherrschen, der blick für das "große ganze" wurde da nicht vermittelt. ich habe EXTREM viele sachen im repetitorium zum ersten mal gehört und ich war kein "juradropout" an der uni. nun habe ich mal ausgerechnet, dass ich am ende ca 5000 karteikarten haben werde, wenn alles gut läuft, bin ich am ende ca. achtmal mit dem stoff durch (was in anbetracht der stofffülle an sich keine geringe anzahl der "geflogenen iterativen schleifen" ist). ich kann mit sicherheit sagen, dass mir das nicht reichen wird, um alles perfekt verinnerlicht zu haben. jetzt kann man natürlich mit der abgedroschenen phrase "es reicht, die basics zu beherrschen!" kommen, nur muss ich dem ganz entschieden widersprechen. mal abgesehen davon, dass die "basics" in jura jeden rahmen sprengen, so möchte ich mal anmerken, dass selbige grundlagen einem vielleicht im zivilrecht und im öffentlichen recht auch zweistellige punktezahlen einbringen können, dies gilt jedoch nicht für das strafrecht (zumindest nicht für jede strafrechtsklausur). im strafrecht braucht man unfassbar viel detailwissen und muss die normstruktur des jeweiligen verbotstatbestandes und deren wechselwirkung mit anderen tatbeständen beherrschen. jeder, der dieses rechtsgebiet als leicht oder überschaubar bezeichnet, hat in meinen augen das strafrecht nicht verstanden.
wie soll man sich das bitte alles merken? ich kann es (stand jetzt) nicht und habe so meine zweifel, dass ich mir das in drei monaten draufschaffen kann. ich habe schon viele forenbeiträge gelesen, die den kampf gegen das vergessen zum thema hatten, allerdings weiß ich nicht, ob diese kandidaten exakt dieselben probleme hatten wie ich, deswegen an dieser stelle nochmal eine kurze schilderung meines persönlichen kampfes gegen das vergessen: ich lese mir zum beispiel einen streit an einem tag durch, verstehe ihn auch (ich lerne keinesfalls nur stumpf auswendig), spätestens in zwei tagen ist selbiger streit aber mit allen wendungen und dogmatischen kniffen aus meinem gedächtnis rausgefallen, ich könnte es in der klausur bestimmt "intuitiv" richtig machen, aber klausurreif aufs papier bringen, !niemals!. ich hatte sonst immer ein sehr gutes gedächtnis, aber hier muss ich kapitulieren. ist das normal? ging/geht es euch auch so? ist eine ausreichende wiederholung in drei monaten machbar (ich weiß, dass man das so pauschal nicht wird beantworten können, für erfahrungswerte bin ich trotzdem sehr dankbar!)

2) sieht man mal von den ganzen missständen ab, die das juristische ausbildungssystem mit sich bringt, gibt es noch ein hauptproblem, was mich am meisten aufregt: außenstehende können nicht nachvollziehen, was man hier vor der brust hat.
ich habe keinen juristen in der familie, allerdings sind meine eltern akademiker. ich kann hier erzählen, was ich will, es wird immer mit einem simplen kopfnicken und diesem "ja ne ist klar"-blick abgetan (besser kann ich das nicht beschreiben). später stellt sich dann anhand von gewissen aufgabenzuweisungen oder dummen sprüchen heraus, dass ich diesbezüglich innerhalb meiner familie nicht für voll genommen werde. ich werde des öfteren gefragt, "ob ich diese ganzen bücher in meiner wohnung überhaupt lese", der rest der sprüche geht in dieselbe richtung. dazu kommen dann noch sachen wie "mach mal dies, mach mal das, stell dich nicht so an". von der notenvergabe und dem direktvergleich diesbezüglich zu anderen studiengängen will ich gar nicht anfangen. ich explodiere innerlich jedes mal und das mit der wut ist an manchen tagen so intensiv, dass ich reell bauchschmerzen davon bekomme und einfach alles zusammenbrüllen will. dass dieses studium teilweise (!) stark mit glück und willkür verknüpft ist, will auch keiner verstehen (ich habe da schon die dicksten dinger erlebt).
hat hier jemand ähnliche erfahrungen gemacht? wenn ja, wie wird man mit sowas fertig, bevor sich das magengeschwür anmeldet?

heute ist wieder einer dieser tage. kann vor wut nicht lernen und werde mir heute abend das spiel angucken, obwohl ich eigentlich lernen sollte. das treibt mich in den wahnsinn.

über erfahrungsberichte jeder art bin ich dankbar, ihr dürft mich auch gerne als weinerlich bezeichnen, falls euch der sinn danach steht. :nodding:

Anzugträger

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Re: Unbändige Wut

Beitrag von lkngbwbw erstellt am: 6. Jul 2016, 18:53 Uhr

Also zum ersten Punkt: bist du dir sicher, dass du die für dich richtige Lernmethode gefunden hast? Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich vieles auch nicht durch bloßes durchlesen wirklich dauerhaft behalte, sondern erst durchs Anwenden. Schreibst du denn auch jetzt noch Klausuren? Vielleicht musst du auch mal andere Methoden ausprobieren als nur die Karteikarten und durchlesen. Also Mindmaps, Podcasts etc.


Zum zweiten Punkt: das kenne ich leider nur zu gut. Meine Letern sind keine Akademiker, meine Mutter war zwar im jur. Bereich tätig, aber das ist ja trotzdem doch anders. Es ist teilweise Verständnis da, aber manchmal wird das ganze eben doch mit einem Schulterzucken abgetan. Es gibt eben leider doch noch das Bild vom faulen Studenten, der mal eine Vorlesung besucht und den Rest des Sommers im Freibad besucht. Ganz so extrem sehen das meine Eltern nicht, aber man kann es wohl schlecht nachempfinden, wenn man es nicht selbst erlebt hat.
Hast du mal daran gedacht, dir professionelle Hilfe zu suchen? Manchmal helfen da auch einige wenige Sitzungen, um dir ein bisschen zu helfen. Gerade wenn man eine schwierige Zeit hinter sich hat bzw noch vor sich hat.

lkngbwbw

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Re: Unbändige Wut

Beitrag von Anzugträger erstellt am: 7. Jul 2016, 18:42 Uhr

richtige lernmethode, puh.. wann ist man sich da schon sicher? im prinzip lernt dann doch jeder so, wie er bereits im studium gelernt hat. ob es dann die richtige vorgehensweise war, zeigt sich dann im examen selber (vorausgesetzt natürlich, das gelernte wird überhaupt in irgendeiner form relevant). ich kann für mich mit ziemlicher sicherheit sagen, dass ich keinesfalls ein sog. "auditiver lerntyp" bin (falls es sowas überhaupt gibt), ich nehme vom reinen zuhören gar nichts mit. das war auch einer der gründe, warum ich das rep gehasst habe. da werden einem in drei stunden vier fälle auf examensniveau von einem rechtsgebiet in den schädel gepresst, was man noch nie wirklich bearbeitet (zumindest nicht in der tiefe) hat, danach soll man das dann alles können. das ganze erfolgt dann immer vollkommen ohne vernünftige abstrakte einführung.
mit mindmaps habe ich auch nie wirklich arbeiten können, sehe das eher als "lernsurrogat" an.

klausuren schreibe ich jetzt erst (dafür aber extrem intensiv), vorher war dafür keine zeit und davon abgesehen wäre das auch vollkommen sinnlos gewesen, schwerpunktmäßig wurden bei uns im kk an der uni klausuren aus den bereichen erbrecht, familienrecht, arbeitsrecht, staatshaftungsrecht gestellt, je nach den jeweiligen vorlieben des profs. das war vollkommen witzlos. da hätte man mit meinem wissensstand fünf stunden märchen erzählen können, nein danke.
das mit dem anwenden klingt aber generell ganz gut, so werde ich die nächsten monate auch zubringen, einfach soviele "fälle" lösen wie möglich, habe langsam das gefühl, dass diese abstrakte lernerei überhaupt nichts bringt und man, um ein gewisses gefühl für examenssachverhalte zu bekommen, soviele "konstellationen wie möglich" gesehen haben sollte..

nebenbei bemerkt: schön zu wissen, dass ich mir dieses schulterzucken aus dem umfeld scheinbar doch nicht einbilde, das ist balsam für meine seele. professionelle Hilfe nehme ich erst dann in Anspruch, wenn es wirklich gar nicht mehr geht, aber danke für den hinweis. ich werde es auf jeden fall im hinterkopf behalten. blöderweise scheint wut aber irgendwie zu meinem wesen zu gehören, bin quasi mein ganzes leben mit "leib und seele" dabei, durch diesen ganzen examensspaß wird das alles nur noch intensiviert..

Anzugträger

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Re: Unbändige Wut

Beitrag von lkngbwbw erstellt am: 7. Jul 2016, 20:21 Uhr

Ich denke auch, dass es sinnvoll wäre, das Wissen nun auch anzuwenden. Zumindest bei mir macht es dann erst richtig "klick".

Übrigens würde ich mit professioneller Hilfe nicht unbedingt warten, bis es wirklich gar nicht mehr geht. Dann ist es oft zu spät. Viele Unis bieten ja psychologische Hilfe an. Meis ohne Wartezeit und gegen einen kleinen Obolus. Das könnte man sich ja mal anschauen, so als Unterstützung. Nur eine Idee. Das ist natürlich eine persönliche Entscheidung :)

lkngbwbw

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